Herpetologischer Ausflug nach Südfrankreich in die Gegend von Nîmes (26.5. bis 1.7)
[ © 2012 Autor: C. S.]

Um die Eidechsennatter (Malpolon monspessulanus, M.m.) im natürlichen Lebensraum zu beobachten und zu fotografieren, führte ich mit einem Freund Ende Frühling eine Reise ins Umland von Nîmes durch.
Nach einer langen Regenperiode kurz vor unserer Ankunft hatte sich endlich Schönwetter durchgesetzt und die Tagestemperaturen lagen schnell um die 30 Grad. Nachts kühlte sich die Luft nur unmerklich ab und sank wohl kaum unter 22 Grad. Ein Paradies für Mücken also.
Treppennatter
Die Landschaft ist mehrheitlich flach und wird intensiv landwirtschaftlich genutzt. Einzelne, wenig befahrene Strässchen durchziehen das Gebiet. Trotzdem finden sich zahlreiche Wäldchen, Hecken, Bachläufe, Wegränder und Gräben. Zudem stellen die die etwas „ungepflegten“ Bauernhöfe mit ihren zahlreichen Schutthaufen, privaten Müllhalden, Bretter- und Ziegelstapeln etc. potentielle Lebensräume für Kleinsäuger und Echsen dar und natürlich auch für  die Eidechsennatter. Gottlob sind die Franzosen noch nicht dem helvetisch-teutonischen Ordnungswahn verfallen. Da dürfen auch mal asbestbelastete Eternitplatten am Waldrand gelagert werden.
So konnten wir täglich zahlreiche Mäuse unter diversen Objekten (Steinen, Abfall, Bretter etc.) überraschen, die wohl die Hauptnahrung darstellen, da Eidechsen kaum zu sehen waren, geschweige denn Perleidechsen. Zudem lief in den Gebüschen das Brutgeschäft der Singvögel auf Hochtouren. Weiter entdeckten wir Wachteln (?), Rebhühner, Hasen und freilaufende Hühner mit ihren Küken; der Tisch ist also überreichlich gedeckt. Die im gleichen Gebiet häufig anzutreffende Treppennatter wird offenbar als Beute verschmäht; einmal fanden wir beide Arten kaum einen Meter voneinander entfernt ruhend.
Treppennatter
Grundsätzlich entdeckten wir die Eidechsennattern in Verstecken - bisweilen Männchen und Weibchen zusammenliegend - und nicht ausserhalb im Freien. Nur zwei Tiere wurden in einer Wiese und in einem Schottergraben gesichtet. Die hohe Vegetation und die Schnelligkeit der Tiere macht es fast unmöglich, eine Eidechsennatter in offener Landschaft ohne starkes Teleobjektiv zu fotografieren.
Zudem liegt eine sehr grosse Fluchtdistanz kombiniert mit exzellenter Sehkraft vor. M.m reagiert schon auf Bewegungen, die weit ausserhalb der üblichen Fluchtdistanz von Schlangen liegen, mit dem Einnehmen der Fluchtposition: periskopartig erhobener Kopf, der Körper in lockeren Schlaufen. Oft hörten wir also bloss ein „Rauschen“ des flüchtenden Tieres.
Dass wir nach einer Regenperiode mit kühlen Temperaturen kaum Tiere ausserhalb des Versteckes sahen, führten wir darauf hin zurück, dass M.m. hier im offenen, vom Menschen ausgeräumten Gelände, eine geschützte Thermoregulation unter Sichtschutz bevorzugt. Vermutlich ist ein offenes Sonnenbad zu riskant bzw. unnötig, da ja genügend geeignete Verstecke (Bretter, Kunststoffplanen, Dachabdeckungen etc.) vorhanden sind, die gleich noch von den Beutetieren bewohnt werden.
Die angesprochene Bevölkerung wusste, dass M.m. ungiftig ist (keine Giftschlangen im Gebiet)  und nennt sie „Couleuvre / Serpent vert(e)“, offensichtlich in Anlehnung an das grüne Vorderdrittel der Männchen. Eine aktive Verfolgung im Gebiet dürfte also sehr selten sein. Wir sahen, trotz Paarungszeit und grosser Schlangenpopulation, nur ein überfahrenes Tier (männlich) und keine totgeschlagenen Tiere.
Überfahren
Auffallend war der Gesundheitszustand aller gefundenen Eidechsennattern: Nur ganz wenige Tiere zeigten gutverheilte Narben oder minime Schwanzverletzungen, die meisten ein makelloses Schuppenkleid verbunden mit optimalem Ernährungszustand. Einzelne Männchen wirkten richtiggehend „fett“. Offenbar haben sich die Tiere perfekt an den von Menschen geschaffenen Lebensraum angepasst bzw. er entspricht genau ihren Bedürfnissen.
Grosse Männchen massen um die 140cm, ein einzelner Riese etwa 160cm. Die Weibchen kaum über 110cm. Alle Tiere besassen Sattelflecken, die Männchen besonders dunkel ausgeprägt.
Männchen wehrten sich, wenn keine Fluchtmöglichkeit blieb,  meist mit kurzem Beissen und Fauchen, Weibchen bissen praktisch nie zu und versuchten meist nur wegzukriechen. Festhaltebisse (Einkauen des Giftes) stellten wir keine fest. Auch Zustossen mit geschlossenem Maul konnten wir beobachten. Aber kein Kotabsetzten, Hochwürgen von Nahrung etc.
Eidechsennatter
Gut durchwärmte Tiere flüchten so „blitzartig“ in ein Versteck, bisweilen auch zwischen unseren Beinen hindurch (!), dass ein Reagieren oder Fotografieren kaum möglich ist. Ein Verhalten, dass ich auch bei meinen Terrarientieren, v.a. den Weibchen, beobachten kann. Durch das unerwartete Zuschiessen auf den „Feind“ wird dieser komplett überrumpelt und erschreckt. Bis man sich gefangen hat, ist die Schlange natürlich schon lange verschwunden.
Im Gebiet konnten wir leider keine Jungtiere (und kaum Eidechsen) finden. Auch fanden wir keine leeren Eischalen an eigentlich günstigen Plätzen. Wo die Jungtiere sich aufhalten bzw. die Ablageplätze der Eier sind, wird wohl Gegenstand einer weiteren Reise sein. Jüngstes Tier war ein Männchen von drei Jahren und etwa 70cm Länge.
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass M.m. (und die Treppennatter) in der Gegend um Nîmes ein erfolgreiche Kulturfolger ist, der  -  in einem auf den ersten Blick für Schlangen ungeeigneten Gebiet  -  eine starke Population gebildet hat. In einer von Menschen gestalteten Agrarlandschaft lebt M.m. ziemlich ungestört: Spaziergänger, Hunde, Katzen etc. fehlen fast ganz, der Autoverkehr beschränkt sich auf die wenigen Anwohner und die Bevölkerung scheint die Tiere nicht zu verfolgen. Ausgewachsene Exemplare dürften kaum ernsthafte Fressfeinde haben.


© 2012 Autor: C S